„Mir müssen die Haare stehen, dann ist es gut!“

Artikel aus „Geschichten entlang der Abens“ von Anita Beutlhauser

Gesang kann verzaubern, so verzaubern, dass man alles andere um sich herum vergessen kann. Schon in der Antike wusste man um diese Magie. Man denke nur an die Geschichte von den Sirenen und Odysseus oder in unserem Land an die Loreley. Orpheus konnte mit seiner Stimme Steine erweichen und Tiere zähmen. Um die Macht des Gesanges weiß auch „Stimmix“, der neue Chor in Abensberg, gegründet von Reinhold Rückerl. Wollen die Chormitglieder zwar nicht Steine erweichen, haben sie dennoch ehrgeizige Ziele. „Wir möchten alles aus uns rausholen, das Beste geben.“ Und dann werden die Steine doch weich.

Seit knapp einem halben Jahr gibt es diesen Chor und die Mitglieder arbeiten alle an dem anspruchsvollen Ziel, zu einem der besten Chöre in Bayern zu gehören. Anders würde es auch gar nicht funktionieren, ist sich der bekannte und bereits mehrfach ausgezeichnete Chorleiter Reinhold Rückerl sicher. Deshalb weiß er, welche Leute er haben will. So hat er die besten Sänger aus dem Chor der „topkids“ schon rekrutiert. Die wüssten schon, wie der Hase läuft.

Voller Einsatz

Rückerl: „Es bringt nichts, wenn man toll singen kann, ist aber fast nie da. Wer bei uns dabei ist, muss sich im Klaren sein, dass es ein sehr intensives Hobby ist. Ich will nicht jeden, das Alter ist mir egal, aber der- oder diejenige muss singen wollen, muss sein Bestes geben wollen, muss mit vollem Einsatz hinter und in dem Chor stehen. Das ist die eigentliche Voraussetzung. Singen kann jeder, das kann man lernen. Aber der unbedingte Wille dazu, muss da sein. Die Gesellschaft ist zwar sehr schön hier bei uns, aber das ist ein netter Nebeneffekt, zählen tut das Singen selbst.“

Singen vor dem Spiegel

Da ist es schon mal absolute Pflicht bei jeder Probe am Freitag da zu sein. „Wenn ein paar nicht da sind, reißt das ein Loch.“ Die Stimme muss jeder schnell haben und hat er tatsächlich auch. „Da darf net lang rumdo wern. Der Chor ist schon sehr sehr weit“, lobt Rückerl. Ein Probewochenende in der Musikakademie in Alteglofsheim hat der junge Chor auch schon hinter sich, weitere Fortbildungen werden folgen.

Alle Chormitglieder haben schon in anderen Chören gesungen und Erfahrung gesammelt. Vier „Stimmixler“ sind zugleich bei den „topkids“, dem Kinder- und Jugendchor, den Rückerl leitet. Klappt mal ein Part dennoch nicht auf Anhieb, hilft man sich gegenseitig. Man übt zu zweit in einem Raum mit Klavier oder nimmt die Melodie mit dem Klavier auf und schickt sie per Handy weiter. Ob Playback oder andere Instrumente, jede Technik wird genutzt. Und es ist selbstverständlich, dass sich jeder auch zu Hause darum kümmert, dass seine Gesangsstimme passt. Wie – ist seine Sache. Oft helfe auch Singen vor dem Spiegel. „Da kommt man sich am Anfang komisch vor, aber das gibt sich und das ist echt hilfreich.“ Alles wird unter das eine Ziel gestellt: Wir wollen einer der besten Chöre sein. Und: „Ein guter Chorklang besticht dadurch, dass er schon voll ist und dass keiner raussticht, auch wenn jeder ein Mikro hat.“

Unterschied

Und wenn jeder seinen Part kann, geht es erst los. „Das ist der Unterschied zu anderen Chören“, meint Rückerl. „Jetzt wird gearbeitet, jetzt geht es darum, die Feinheiten herauszuholen.“ Man singe miteinander und muss die Musik mit dem ganzen Körper geben, das Singen muss Gefühle ausdrücken. Dazu werde z. B. auch in den Raum mit der Spiegelwand gegangen, wo jeder seine Bewegungen, die zur Musik passen müssen, beobachten kann. „Da sieht man gleich, wer sich was traut. Hier können die älteren oft von den jüngeren lernen.“ Eine gegenseitige Bereicherung sei dies in dem Chor, erzählen sie. Das Miteinander, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, funktioniere einmalig.

Der Ehrgeiz kommt mit dem Erfolg

Und dann ist es tatsächlich so, dass der Ehrgeiz wächst. Es ist eine logische Konsequenz, quasi eine Spirale nach oben. Der Chor, die Sänger werden mit dem intensiven Training besser. Das stachelt an, der Ehrgeiz kommt mit dem Besserwerden im Schlepptau. „Wir wollen besser singen“, sagen sie einstimmig.

Wettbewerb

Das sei auch gut so, erklärt Rückerl: „Man soll seine Ziele schon wissen und die steck ich nicht zu tief. Ich orientiere mich nicht am ‚Normalchor‘. Wir arbeiten auf jeden Fall auch einen Wettbewerb hin. Ich habe schon in deutschen Meister-Chören gesungen, die kochen auch nur mit Wasser. Das ist schon zu erreichen. Oft sind es Kleinigkeiten, die zu einer Entwicklung, einer Verbesserung beitragen, wie den Mund besser aufzumachen. Die Sänger werden gefordert und freuen sich, wenn sie besser werden. Das spornt an. Und dann wird ihnen das wichtig, dann brauch ich sie nicht mehr motivieren, dann kann man an die schweren Sachen gehen. Mein Ziel ist: Der Chor singt so gut, dass sie weiter so singen wollen.“

Grundlagen Wettbewerb

Der Chor ist zwar schon gut, für Wettbewerbe kommt aber noch eine Schwierigkeit. Man muss verschiedene Stile singen, darunter auch Swing mit ganz anderen Akkorden, auch für Jazz braucht man erst die Einstellung. „Wir gehen in die Richtung.“

Zur Person Reinhold Rückerl – ein kleiner Auszug von Musikerfolgen

Der 57-jährige, in Abensberg bestens bekannte Chorleiter Reinhold Rückerl studierte Lehramt für Hauptschule mit Hauptfach Musik, ist staatlich geprüfter Chorleiter und Singschullehrer (am Musikkonservatorium Augsburg) und ist Inhaber des Chorleiter-Diploms des Bayerischen Sängerbundes. Im Laufe der Jahre sammelte er zahlreiche Auszeichnungen, zudem erfolgten unter seiner Leitung verschiedenste Auftritte (u.a. in verschiedenen Radiosendern bzw. Fernsehauftritte), Konzerte und Aufnahmen (mehrere veröffentlichte CDs).

Als Gründer der „topkids & topComp“ widmet sich Rückerl sowohl der Ausbildung als auch der Förderung begabter und interessierter Nachwuchssänger.

Er gründete den Abensberger Chor „Wolperdinger Singers“ und leitete ihn 23 Jahre lang. In dieser Zeit wurde der Chor 2. Bayerischer Meister und erreichte den 8. Platz beim Dt. Chorwettbewerb in Osnabrück.

Der Musikmann inszenierte mit Schülern verschiedenste Musicals und erhielt auch dabei Preise.

Auftritte

„Ein Chor muss auftreten, das ist der ganze Sinn dahinter“, so Rückerl. Wenn man in einer Band ist, muss man sich hinstellen wollen, fast exhibitionistisch müsse man sein. Auch wenn manche Chormitglieder da jetzt noch nervös seien. Im Mai diesen Jahres war der erste Auftritt des Chores bei einer Hochzeit in der Region. Der Chor war erst drei Wochen alt, aber das positive Feedback pushte schon.

Deswegen kann der Chor auch gerne zu Hochzeiten gebucht werden, ein umfangreiches Repertoire von swingender Chormusik, Pop und Rock ist schon vorhanden. Bei Liveauftritten wird ein Musiker engagiert, das mittelferne Ziel ist sogar eine Band oder eine Bigband zur Begleitung.

Stimmix e.V. – Schneller Entschluss

Als klar war, dass es ein Verein mit Hand und Fuß werden sollte, ging es um die Eintragung ins Vereinsregister. Heike Stierstorfer: „Wir haben das in einer Blitzentscheidung durchgezogen. Der ganze Papierkram hat mich zwar ein paar Nächte gekostet, aber dann war es gemacht. Alle jetzigen Mitglieder sind deshalb auch Gründungsmitglieder des Chores.“

Am Gründungsdatum, dem 21. Juni 2017, war es „gscheid hoaß“. Jeder kann sich gut erinnern, schließlich musste die gesamte Satzung verlesen und anschließend unterschrieben werden. Und so hat mit dem Anfang des Sommers auch der Chor seinen offiziellen Angang genommen.

Toller Nebeneffekt des Singens

Und auch wenn es sich sehr stressig liest. Neue Sänger brauchen keine Angst haben. „Er ist sehr nett“, sagen die Anderen über den Chorleiter. Man muss auch nicht direkt vorsingen, es sind Phasen in den Stücken, da kann sich Rückerl schon ein Urteil bilden.

Und der super Nebeneffekt des Singens ist: Es ist gesund. Mit dem Singen tut man aktiv was für seine Gesundheit, man stärkt sein Immunsystem und schützt sich so vor Erkältungen. Studien zeigen, dass Chorsänger länger und gesünder leben. Das Singen ist wahnsinnig entspannend. Der Chorleiter weiß um diesen Effekt. „Auch ich habe oft einen anstrengenden, stressigen Tag gehabt und muss dann noch die Probe halten. Es ist dann zunächst anstrengend, aber auch sehr entspannend. Man kommt runter, ist gelöster.“

 

„Wenn dann der Chor so singt, dass mit die Haare hoch stehen, dann hat es mich. Wir sind am Ziel.“

 

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Stimmix beim Probewochenende in der Musikakademie Alteglofsheim

Artikel Stimmix